Bronzezeit
oder: Kaminski lacht

Espresso

Ich weiß nicht, warum ich so an diesem Kaffeehaus hänge?
Café Köhnig. Mit „h“ wie hoffnungslos.
Der Service ist arrogant, der Kaffee miserabel.
Ich habe immer ausreichend Nescafé in der Tasche.
Fünf Portionen, auf die Fächer eines Pillendöschens verteilt.
Mein Kaffee-Reparaturset. Unauffällig einsetzbar. Betont unauffällig…
Immerhin wird so der Kaffee einigermaßen genießbar.

Das ist der Preis, den ich für die Gewohnheit zahle.
Dieser Tisch, dieser Platz, dieser Ausblick.
Draußen rollt das Leben im Drei-Minuten-Takt. Das ist die Dauer der Ampelphasen direkt vor der Tür.
Dahinter ein Platz, ein Flohmarkt, ein Kaminski-Denkmal.
Kaminski lebensgroß, in Bronze.
Fragen Sie mich nicht, wer Kaminski war! Das weiß hier im Kaffeehaus auch niemand. Aus diesem Stoff sind Identitätskrisen geschneidert. Ich habe Kaminski kurzerhand zum Schutzpatron der Kaffeehausliteraten ernannt.

„Susi, noch einen Kaffee bitte!“

Ich habe mich daran gewöhnt, dass sie mich keines Blickes würdigt und mir wortlos die Kaffeetasse vor die Nase tropft.

Doch die Hand, die jetzt den Kaffee zu meinem Tisch balanciert, ist mir unbekannt.
Ich hebe langsam den Kopf und begegne zwei grauen Augen. Ein Lächeln darunter. Ein Lächeln aus den Tiefen der Arktis.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragt eine unerwartet melodische Stimme.
Ich gönne ihr eine einladende Handbewegung. Sie setzt sich. Sie, die kühle Vollkommenheit einer Schaufensterpuppe.

„Sind Sie neu hier?“ Eine blöde Frage! Schließlich sehe ich sie heute zum ersten Mal.

Sie antwortet mit dem Hochziehen ihrer Augenbrauen, steht wieder auf und kehrt mit einem Cappuccino zurück. „Sie sind Stammgast hier!“

Ich nicke und überlege, ob ich den Kaffeeverstärker einsetze. – Ach, nein…
Sie fährt eine lange, spitze Zunge aus und berührt damit das Sahnehäubchen auf ihrem Cappuccino.

„Stammgast!“ wiederholt sie. „Darüber müssen wir reden!“

„Wir? – Über mich?“
Ein Lächeln wirbt um Verständnis.
„Nennen Sie mich einfach Barbara! Ich bin, sozusagen, Wirtschaftsprüferin…“

Sie passt nicht gerade in das Bild, das ich von einer Wirtschaftsprüferin habe.
„Wollen Sie überprüfen, ob ich meinen Kaffee bezahlen kann?“

Sie übergeht meine Frage und blickt auf einen Notizblock neben ihrer Tasse.
„Sie sind täglich hier? Zwischen zehn und siebzehn Uhr? Für Sie ist dieser Tisch ständig reserviert?“

„Warum fragen Sie, was Sie ohnehin schon wissen?“

Ihr Blick verfolgt den Gang der Bedienung durch das Café. „Was ich weiß,… was ich weiß, ist, dass Sie ein Problem sind.“

Das ist ein Hammer! Ich ein Problem? Ich, der treueste Gast, mit dem dieses drittklassige Kaffeehaus jemals schmücken durfte? Ich, der diese tägliche Beleidigung, die sie Kaffee nennen, geduldig hin nimmt? Ziemlich geduldig.

„Das Problem hat eine Hausnummer!“ sagt sie. Und ich komme nicht umhin, ihre poetische Sprache zu bewundern.

„Hausnummer?“
„Zweitausendvierzig!“ Sie blickt mir kühl in die Augen. „Euro! Monatlich!“

„Entschuldigen Sie, aber Sie sprechen in Rätseln“ sage ich. „Wollen Sie mir einen Werbevertrag anbieten? Darüber können wir reden.“

„Sie sind ein Scherzkeks!“

„Nein, ernsthaft! Ich habe selbst schon darüber nachgedacht. Es muss ja nicht erst nach meinem Ableben draußen eine Tafel hängen. Draußen neben der Eingangstür“

„Tafel?“

„Na klar!“ Ich zeichne mit beiden Händen ein großzügiges Recheck in die Luft. „Eine geschmacksvolle Bronzetafel: Hier verkehrt der berühmte Schriftsteller usw. usw. Hier entstehen seine schönsten Kurzgeschichten.“ Ich versuche ihren Blick zu fixieren. „Das ist doch wohl das Mindeste, wo ich jeden Tag diese Kaffeebrühe ertrage.“

Sie weicht meinem Blick aus. „Eingebildet sind Sie gar nicht, Mr. Hemingway!“

Ich tupfe ein keimfreies Lächeln gegen ihren Spott. „Und?“

„Ich habe den Nutzen Ihrer Anwesenheit für dieses Café hochgerechnet…“

„Da kommt was zusammen!“ unterbreche ich sie. „Das Café lebt von mir!“

„Irrtum! Sie leben vom Café!“ sagt die Frau, die ich nicht beim Vorname nennen mag. Sie kosten diesem Café monatlich über zweitausend Euro!“

Ich blicke über die Dame hinweg, hinüber zum Bronzedenkmal. Es scheint mir, dass Kaminski lacht, obwohl er mir den Rücken zudreht. „In welcher Währung rechnen Sie?“

Sie macht eine ärgerliche Handbewegung. „Hören Sie zu! Ich habe errechnet, dass jeder Stuhl in diesem Café einen Umsatz von mindestens 25,- Euro bringen muss. Täglich!“

Ich schaue mich um. „Zur Zeit bringen gerade mal fünf Stühle Umsatz! Also was habe ich damit zu tun?“

„Jeder Gast ist ein Wirtschaftsfaktor. Sie auch! Und Sie sitzen hier täglich sechs bis sieben Stunden zur besten Geschäftszeit und trinken drei bis vier Kännchen Kaffee.“ Sie schenkt mir einen Augenaufschlag. „Sie müssen einen beneidenswerten Blutdruck haben… Also, al-so… rechnen wir mal vier Kännchen zu je drei Euro fünfzig. Das macht 14,- Euro plus Trinkgeld, sagen wir 15,- Euro täglich. – Können Sie mir folgen?“

„Reden Sie weiter!“

„Sie belegen hier täglich einen Vierertisch, anstatt sich mit einem der beiden Zweiertische zu begnügen, da hinten in der Ecke…“

„Ich arbeite hier!“ widerspreche ich. „Ich brauche Platz – und Licht.“

Sie nickt. „Genau! Sie ziehen aus diesem Café einen wirtschaftlichen Nutzen.“

„Aber ich lese auch die Tageszeitungen. Ich muss schließlich auf dem Laufenden bleiben.“

Sie legt die Stirn in Falten. „Das ist ja noch schöner! Sie lassen sich hier durch die Zeitungslektüre inspirieren. Aus Zeitungen, die das Café erwirtschaften muss. Da wäre auch eine Provision fällig! Aber…, aber…, ich will das mal vernachlässigen…“ Sie blickt wieder angestrengt auf ihren Notizzettel. „Also, dieses Café verfügt über 40 Plätze. Davon belegen Sie tagtäglich allein zehn Prozent. Ihr Tisch muss also 100,- Euro bringen. Minimum. Wenn ich davon Ihren Tagesverzehr von 15,- Euro abrechne, dann verliert das Café durch Ihre Anwesenheit mindestens 85,- Euro täglich.“ Sie schnauft. „ Zumal Sie sich erdreisten, hier ihre mitgebrachten Brötchen zu verzehren.“

Ich grinse und zeige hinüber zum Kuchenbufett. „Möchten Sie meine Meinung über dieses Elend hören?“

„Nein danke! Ich komme nicht in Versuchung! – Aber ich bin noch nicht fertig. Also, 85,- Euro pro Tag. Knapp gerechnet. Auf sechs Tage umgerechnet macht das 510,- Euro mal vier Wochen, das sind 2040,- Euro. Kapiert?“

„Und was soll ich kapiert haben?“
„Das ist – sehr knapp kalkuliert – der Schaden, den Ihre so genannte künstlerische Arbeit diesem Kaffeehaus monatlich zufügt. Das entspricht den Kosten für zweieinhalb Arbeitskräfte, die Sie hier mit einem Euro Trinkgeld täglich abspeisen. Aufs Jahr hochgerechnet…“

Ich schicke über ihre Schulter hinweg einen flehenden Blick zur Bronzestatue hinüber. „Kaminski hilf!“ Er schickt mir einen Wutanfall. „Es reicht! Ich bin ein angesehener Kaffeehausliterat! Eine Institution!“ Ein Werbefaktor!“ brülle ich.

Sie lächelt nachsichtig. „Warum so laut? Die anderen Gäste schauen schon zu uns herüber!“

„OK, OK… und was wollen Sie mir mit Ihrer so genannten Kalkulation sagen?“

„… dass sich dieses Café Ihren besuch nicht mehr leisten kann! Sie treiben es in den Ruin! Es sei denn…“

„Es sei denn?“

„Sie mieten diesen Tisch, sagen wir – zu einem monatlichen Mietsatz von zweitausend Euro. Das ist sehr entgegenkommend. Dafür können Sie diesen Tisch nutzen, wann immer Sie wollen. Sogar nachts! Sie bekommen natürlich einen Schlüssel.“

„Hm, interessant! Und – könnte ich hier irgendwo schlafen? – Wissen Sie, ich müsste dann nämlich meine Wohnung aufgeben und ich brauchte…“

„Ein Schlafplatz ist darin natürlich nicht enthalten…“ unterbricht sie mich schroff.

„… und ich brauchte“, beharre ich, „ich brauchte an diesem Tisch einen Wasseranschluss und eine Steckdose!“

„Wasser? Steckdose? Wozu denn das?“

„Für meine Kaffeemaschine!“

„Macht hundertfünfzig zusätzlich. Im Monat. Für Strom und Wasser!“

Ein Sonnenstrahl fällt plötzlich auf meinen Tisch und zieht meinen Blick nach draußen. Kaminski scheint mir zuzublinzeln. Ich sitze plötzlich neben mir. „Sie machen einen guten Job, Frau Wirtschaftsprüferin! Haben Sie weitere Vorschläge?“

Sie nickt. „Die Küche! Sie könnten die Tischmiete – sagen wir mal – halbieren, wenn Sie halbtags der Küche zur Verfügung ständen. Sie können doch sicher Snacks zubereiten und – die Spülmaschine betätigen…!?“

„Und wann soll ich schreiben?“

„Halbtags! – Halbtags Küche, halbtags schreiben. Außerdem bleibt das Café im Januar zwei Wochen geschlossen. Bleibt also Zeit genug, an Ihrer Unsterblichkeit zu basteln. Und Ihre Bronzetafel…“
„Meine Bronzetafel möchte ich in die Küche hängen! Halbtags natürlich… Nein danke!“

Ich lasse eine Handvoll Münzen neben die Kaffeetasse klappern und schiebe den Stuhl zurück. „Ich bin Ihnen sehr dankbar!“

„Sie danken mir? Wofür?“

Ich tauche einen Zeigefinger in meinen kalten Kaffeerest. „Sie haben mich von dieser Brühe erlöst.“

„Und jetzt?“ Sie schaut mir stirnrunzelnd zu, wie ich meinen Mantel aus der Garderobe nehme. „Wie haben Sie sich entschieden?“

Ich lasse noch einmal den Blick durch das Café wandern. „Sie haben mich überzeugt! Ich bin ein Wirtschaftsfaktor!“

Sie lächelt schief. „Und das bedeutet…?“

„Das bedeutet, dass ich ab heute zum Beispiel – das Café Kranzler ruiniere oder das Café Zwickmann… oder…“ Mir schießt ein wahnsinniger Gedanke durch den Kopf. „Können Sie mir Ihre wunderbare Kalkulation auch schriftlich geben?“

Sie nickt zögernd. „Warum nicht? Was… was wollen Sie denn damit…?“

Ich brenne meine Augen in ihren Eispanzer. „Vielleicht, liebe, verehrte Barbara, kann ich damit die Kaffeehäuser in dieser Stadt überzeugen…“

„Überzeigen? Wovon?“

„… überzeugen, dass es für sie lohnt, mir ein monatliches Schutzgeld – nein, sagen wir besser – ein Trostgeld zu zahlen…“

„Trostgeld?“ Sie springt auf und greift sich in die Haare. „Sie werden doch nicht…?“

„Warum nicht? Man wird sich etwas kosten lassen, wenn ich schweren Herzens darauf verzichte, Stammgast zu werden.“

Ein neuer Gast tritt durch die Tür. Hinter ihm weht Gelächter herein.

Kaminski?

Dieter Treeck